ES-F | Fri Nov 24 17:11:03 CET 2023 - Fri Nov 24 17:11:03 CET 2023

Dem Ganzen ist beizupflichten. Die ambulante Versorgung geht schweigend den Bach runter.
In der Politik hat man festgestellt, dass aus den Interessengemeinschaften des ärztlichen Berufsstandes kein wirklicher Gegenwind weht.
Im BMG haben sich einige experimentierfreudige Menschen ausgetobt und (nicht nur) die ambulante Versorgung durch Bürokratie unerträglich belastet.
Die Situation für KassenärztInnen ist unerträglich geworden und jedes politische Statement, dass diesem entgegenredet eine Missachtung der Realität.
Diese stellt sich so dar, dass wir kaum noch junge Menschen für den Arztberuf begeistern können. Früher war es das absolute Ziel, in einer Kleinstadt als Hausarzt zu arbeiten. Man hatte seinen Stand, sein Umfeld und sein Auskommen. Heute warten dort leer stehende Praxen und ratlose Bürger auf den ärztlichen Nachwuchs. Und auf medizinisches Personal ebenso.
Die Medizin in unserem Lande ist inzwischen nur noch im Vorabendfernsehen schön. In der Realität ist sie zur Hydra geworden und mir ist nach 25 Jahren Kassenarzt- Dasein völlig unklar, wie man dieses System reformieren könnte. Zu viele Blutsauger, viel zu viel Bürokratie und eine Misstrauenskultur in der Zusammenarbeit, hässliche Klischees über unseren Verdienst.
Eine Gesellschaft muss ihr Gesundheitswesen selbst definieren und sich klar darüber sein, welche Forderungen man an ein solches System erheben kann. In dieser vom Egoismus geprägten Zeit fällt alles hinten herunter, was sozial und zuwendig ist. Sieht man Demonstrationen gegen die Pflegeverhältnisse? Oder gegen den Hausarztmangel, die Bildungskrise? Die Probleme sind jahrelang bekannt.
Das Schlimmste- in der jetzigen Ausdünnung der Medizin kommt es zum Wissens- und Qualitätsverlust. Immer weniger Fachleute und damit summa summarum immer weniger Erfahrung. Solche Einbußen sind möglicherweise nicht mehr aufzuholen.

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EMJÖ | Wed Nov 22 23:42:42 CET 2023 - Wed Nov 22 23:42:42 CET 2023

Wenn man, wie Sie sagen, als Arzt so unglaublich gut finanziell gestellt ist, warum will es dann kaum einer mehr machen?
Geld lockt doch schließlich häufig.
Wer den Arztberuf ausschließlich auf das Honorar beschränkt, was in vielen Bereichen von den üblichen Sozialneidern und gerne von der Politik mit dann unplausiblen Zahlen angeführt wird, weil es dann das eigene Narrativ stützt, übersieht (absichtlich?) die vielen anderen Probleme dieses Berufszweigs.
Welcher Beruf "haftet" mit seinem Privatvermögen für die Morbiditätslast der Gesellschaft (Regresse für fast jede Leistung)? Man hat manchmal den Eindruck, dass man für relevant Kranke "bestraft" wird, weil diese sehr teuer sind und viele Leistungen brauchen und man dadurch sein Budget zu überziehen droht.
Stehen Sie für ca. 25€ brutto all inklusive nachts für einen Menschen in Not auf? Wenn ich nach einer anstrengenden Heimvisite nach 4 Stunden ca 20 Patienten mit schweren Grunderkrankungen, komplizierten Wunden, anstrengenden Angehörigengesprächen, nutzlosen Diskussionen über überzogenes Anspruchsdenken von Patient und/oder Angehörigen das Heim verlasse, habe ich weniger verdient, als ein Handwerker, der dort über 2 Stunden die Schieberspüle repariert hat (Vergleich ist real. Ich habe den Handwerker, der mit mir das Heim verlassen hat gefragt, was er verdient hat in seinen ca. 2,5 Std.: Stundenlohn für jede begonnen Stunde, Anfahrtskosten, Zulage wegen Unzeit nach 16:00 Uhr etc ca. 350€. Dagegen bei mir für den ersten Patienten ca. 25€, für jeden weiteren (19) ca. 11€, Anfahrtspauschale 4€ = 238€ in 4 Std. Die Schieberspüle ist halt wichtiger als ärztliche Arbeit bei schwer Kranken. Dabei immer das Damoklesschwert des Regresses, weil irgendwann irgendwer in irgendeiner Kasse oder die Prüfstelle selbst der Meinung sein könnte, dass diese Leistungen der Patient zu unrecht erhalten hat.Dann darf man sich erklären und (nicht selten) zurückbezahlen, ach ja, die Medis gleich mit (nur dumm, für die bekommt man als Arzt nichts. Für Rezept 0€ bekommen, wenn das Medikament sehr teuer war, dann vielleicht 700€ oder sogar mehr bezahlen). Hier haftet nicht die Solidargemeinschaft, sondern der Arzt, dieses Verfahren wäre in der Politik vielleicht nicht verkehrt.
Seit 5 Jahren praktisch eine Nullrunde im Honorar, nun 3% mehr (im öffentlichen Dienst 11%), kein Inflationsausgleich, keine Hilfe bei Energiekostensteigerung, keine Möglichkeit, diese Kosten umzulegen wie es die freie Wirtschaft und jeder Handwerker tun kann, keinen Coronabonus, wie ihn zumindest fast alle Beamte und alle Bundestagsabgeordnete erhalten haben.
Dabei im Schnitt eine 60 bis teilweise 80 Std-Woche.
Wer Versorgung zu diesen Bedingungen haben will, der braucht sich nicht wundern, dass es keiner mehr machen will.
Ich erhalte für einen 50jährigen nicht chronisch kranken Patienten pauschal ca 17€, dafür kann er im Flatrate-System unbegrenzt im Quartal kommen. Es bleibt bei diesem Preis. Was bekomme ich von einem Handwerker, im Supermarkt etc für diesen Preis?
Scheinwert over-all ca. 43€, auch nicht besser (war vor 4-5 Jahren mal bei 67€).
Alle klagen über lange Wartezeiten, volle Wartezimmer, Termine, die erst in Monaten vergeben werden (es muß alles sofort, unbegrenzt und gleich vorhanden sein in 24/7-Erwartung) und wundern sich, warum es so ist. Meine Antwort: es ist kaum noch einer da, der es macht bzw. so machen will.
In meinem unmittelbaren Versorgungsbereich sind 12(!!!) Sitze unbesetzt, alte Kollegen/Innen fliehen vorzeitig aus dem System und in ca. 4-5 Jahren werden 58% der verbliebenen Ärzte um mich herum gehen i.d.R. ohne Nachfolger, weil budgetiert, quottiert und jederzeit potentiell regressiert keiner mehr arbeiten will. Über unsere allgegenwärtige Bürokratiemonstern, die sich in unseren Praxen tummeln, unnütze teilweise "dümmliche" Krankenkassenanfragen, überteuerte dysfunktionale und unter politisch gewollten Sanktionsdruck gekaufte Digitalprodukte braucht man nicht zu reden. All das gibt es meines Erachtens auch so in KEINEM anderen Beruf in Dtschl.
Und wer jetzt sagt, dass dies ja so kaum bekannt sei, der hat es die letzten 15 Jahre nicht sehen wollen.

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rtm1991 | Wed Nov 22 20:00:03 CET 2023 - Wed Nov 22 20:00:03 CET 2023

Was schreiben Sie denn für einen Unsinn. Wir stehen finanziell mit dem Rücken an der Wand. Die Arbeit ist überbordend und die Einkommen stagnieren und sind zum Teil rückläufig. Das Märchen von reichen Mediziner ist einfach falsch. In Baden Württemberg sind 1000 Sitze nicht besetzt. Wenn es so weitergeht war es das mit der ambulanten Versorgung.

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Krildschoete | Wed Nov 22 17:45:21 CET 2023 - Wed Nov 22 17:45:21 CET 2023

Genau da sitzt der Fehler. Wir leisten schon lange Medizin zu gedeckelten Dumpingpreisen und können uns nicht anpassen an die wirtschaftliche Lage. Freiberufler ist was anderes. Und dann die netten Worte von Patienten der rundum sorglos und sofort alles- Mentalität. Aber ich bin gerne Arzt und habe viele dankbare Patienten. Das möchte ich erhalten und für diese dableiben. In einem umgestalteten menschenwürdigen und effizienten System zu aller Wohl. Nicht diesem Lobbyismus unterworfen. Deshalb Veränderung jetzt. Sonst gehen die Lichter aus.

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Nutzer5920205 | Wed Nov 22 17:32:37 CET 2023 - Wed Nov 22 17:32:37 CET 2023

Heizungscheck 140€ - Gesundheitscheck 37€; Hausbesuch bei nicht gehfähiger geriatrischer Patientin mit Planung, Anfahrt in der Stadt, Wundversorgund vor Ort, Rückfahrt, Parklatzsuche, Materialauffüllen, Dokumentation,..locker 1h kostet die Kasse dann hmm gerade nachgeschaut : 24€ - Kommt der Schlüsseldienst dafür? Würde sagen die Finazierung ist sehr wohl der Knackpunkt, denn den Hausbesuch macht bald keiner mehr und dann geht die Dame mal flux in die Klinik, wo sie dann einen multiresistenten Keim in die Wunde bekommt uns alle mit i.v. Antibiosen, Intensivstation, Isolierung, etc. dann 50000€ kostet - kann man machen. Wenns doof läuft ist dass Bein dann halt auch ab. Sorry, es gibt keine billigere Medizin als die Hausarztmedizin, sorgt man mit finanziellen Anreizen dafür, dass mehr Hausärzte zur Verfügung stehen und bleiben, spart man Milliarden.

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