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Petition 192323

Gesundheitsfachberufe

Strukturelle Aufwertung der Gesundheitsfachberufe sowie bundesweite Überführung in Fachhochschulstudiengänge vom 23.12.2025

Text der Petition

Mit der Petition wird gefordert, die Gesundheitsfachberufe, insbesondere die Pflege, PTA, MTA sowie die therapeutischen Berufe, wie Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie, strukturell aufzuwerten und bundesweit in Fachhochschulstudiengänge zu überführen. Die derzeitige Ausbildung auf DQRNiveau 4 entspricht weder der tatsächlichen Verantwortung dieser Berufe noch internationalen Standards. Österreich und die Schweiz haben ihre Gesundheitsfachberufe bereits erfolgreich akademisiert.

Begründung

Die Struktur der Gesundheitsfachberufe in Deutschland lässt sich aus professionssoziologischer Perspektive als ein „institutionalisiertes Pfadabhängigkeitsregime“ beschreiben, das auf Ausbildungsmodellen der 1960er‑Jahre basiert und bis heute die Entwicklung eigenständiger Professionen behindert. Pflege, PTA, MTA sowie therapeutische Berufe wie Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie verbleiben überwiegend auf DQR‑Niveau 4, obwohl ihre Tätigkeitsprofile längst Merkmale voll ausgebildeter Professionen im Sinne von Abbott, Freidson und Oevermann aufweisen: hohe Autonomieanforderungen, komplexe Entscheidungslogiken, wissenschaftsbasierte Problemlösung und unmittelbare Verantwortung für Patientensicherheit.
Die Diskrepanz zwischen Qualifikationsrahmen und realer Kompetenzanforderung erzeugt ein strukturelles „Governance‑Mismatch“. Während moderne Gesundheitssysteme auf wissensintensive, interprofessionell eingebettete und evidenzbasierte Versorgung angewiesen sind, reproduziert das deutsche Berufsrecht ein hierarchisches Assistenzmodell, das weder die notwendige epistemische Autorität noch die professionelle Handlungskompetenz dieser Berufsgruppen abbildet. Die WHO, der Bologna‑Prozess und die OECD empfehlen seit Jahren die Akademisierung dieser Berufe, um die Transformation zu einem lernenden, evidenzorientierten Gesundheitssystem zu ermöglichen.
Der internationale Vergleich zeigt, dass Österreich und die Schweiz diesen Übergang bereits vollzogen haben. Beide Länder haben Pflege und therapeutische Berufe vollständig in Fachhochschulstrukturen integriert und damit ein professionsfähiges Kompetenzmodell etabliert, das wissenschaftliche Fundierung, klinische Entscheidungsfähigkeit und interprofessionelle Koordination systematisch verankert. Die positiven Effekte – höhere Versorgungsqualität, klar definierte Kompetenzgrenzen, verbesserte Nachwuchsgewinnung – sind empirisch gut dokumentiert.
Deutschland hingegen reagiert auf strukturelle Engpässe mit punktuellen, funktional kompensatorischen Maßnahmen. Die geplante Möglichkeit, PTA in Ausnahmefällen mit Leitungsaufgaben zu betrauen, ist ein typisches Beispiel für eine „funktionale Überdehnung“ eines nicht-professionalisierten Berufs. Solche Maßnahmen verschieben Verantwortlichkeiten, ohne die dafür notwendige Qualifikationsarchitektur bereitzustellen, und erzeugen damit professionsrechtliche Inkonsistenzen.
Eine bundesweite Akademisierung der Gesundheitsfachberufe ist daher nicht nur eine bildungspolitische Reform, sondern ein notwendiger Schritt zur Modernisierung der Governance‑Strukturen des Gesundheitswesens. Ein Gesundheitsberufe‑Rahmengesetz könnte die fragmentierte Rechtslage überwinden, professionsadäquate Kompetenzprofile definieren, klare Delegations‑ und Substitutionsmodelle etablieren und Übergangsregelungen für bestehende Berufsabschlüsse schaffen. Damit würde Deutschland Anschluss an internationale Standards gewinnen.

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